Wulf Rössler: 59A1
Texte Elmar Habermeyer, Paul Hoff, Hans Schanda, Jakob Tanner
Interview Inka Schube
Deutsch / Englisch
Hardcover
20,5 x 27 cm
112 Seiten
65 Farbabbildungen
978-3-947127-60-3
38,00 Euro
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Dieses Buch führt uns in eine Welt, die gewöhnlich verschlossen bleibt: die Hochsicherheitsstation 59A1 der forensischen Universitätsklinik Zürich. Hier werden schuldunfähige, psychisch kranke Straftäter behandelt, Menschen außerhalb der Gesellschaft, aufgrund der Gefahr, die sie darstellen. In Wulf Rösslers Fotografien von diesem Ort treffen wir erst auf eine kühle, funktionale Architektur, leere Flure, karge Zimmer, bis sich die physische Präsenz der anonymisiert gezeigten Patienten am Ende doch durchsetzt. Als Fotograf und Professor der Psychiatrie bietet Rössler einen einzigartigen Zugang zum Thema, zur Spannung zwischen System und Individuum. Zusätzlich zu seinen eindrücklichen Fotografien bietet das Buch eine Sammlung von vier Essays, die das Thema der forensischen Psychiatrie und der zwiespältigen gesellschaftlichen Reaktion beleuchten. „Das Buch lädt dazu ein, über Ambivalenzen nachzudenken“, sagt der Künstler, „über die Grenzen zwischen Sicherheit und Menschlichkeit, über die Vielschichtigkeit und moralische Verantwortung der Arbeit in der forensischen Psychiatrie – und über die Frage, wie eine Gesellschaft mit jenen umgeht, die aus ihr herausgefallen sind und doch zu ihr gehören.“
DER GEWANDELTE BLICK
(Auszug aus dem Gespräch zwischen Inka Schube und Wulf Rössler)
Inka Schube: Ich muss sagen, dass die Fotografien eine enorme Nüchternheit, Leere, gutwillig ließe sich das sicher auch „Aufgeräumtheit“ nennen, ausstrahlen. Das hat sicher damit zu tun, dass die Personen auf diesen Fotografien unerkannt bleiben müssen. Dennoch wundert es mich, dass es in diesem Ambiente nichts Persönliches zu geben scheint. Ist das so, oder entsteht dieser Eindruck durch Ihre fotografische Herangehensweise?
Wulf Rössler: Im Grunde sind es zwei Fragen, die sich hier überlagern: jene nach der Architektur – der äußeren Hülle – und jene nach den Menschen, die sich darin bewegen und die ich zu fotografieren suchte.
Das Gebäude, 2007 eröffnet, gilt als gelungene Verbindung eines neuen forensischen Klinikkonzepts mit der parkartigen Anlage und den alten Gebäuden des Psychiatriezentrums Rheinau. Der Kantonsbaumeister beschreibt es in der Bauwerksdokumentation als „introvertiert konzipiert“, mit einem Sicherheitszaun, der sich beiläufig in die Außenwand einfügt – ein zurückhaltender Bau, der sich bewusst der typischen Sprache des Strafvollzugs entzieht. Drei Sicherheitsstationen gruppieren sich um „klosterartige“ Innenhöfe und schaffen ein „stimmungsvolles Umfeld von nie da gewesener Qualität“.
Ich näherte mich diesem Geviert langsam, von außen nach innen. Zunächst durch die stille Parklandschaft, dann das Eindringen in die Gebäudehaut – Anmeldung, die Stimme aus der Sprechanlage, der Vorraum mit seinem Röntgengerät, die Abholung durch eine Pflegeperson, die mich fortan jedes Mal zur Station 59A1 führte und auch dort begleitete. Vorab die Instruktion: kein Gesicht, kein Detail, das jemanden erkennbar macht. Was mich empfing, war eine Kargheit, die ich so nicht erwartet hatte. Der Innenhof wirkt wie ein abstrahierter Kreuzgang, ein Spazierhof, wie eine Voliere. Unweigerlich entsteht eine gedankliche Verbindung zur psychiatrischen Architektur des 19. Jahrhunderts, in der die gebaute Umgebung die Hoffnung trug, ordnend auf die verwirrten Sinne einzuwirken.
In den Aufenthaltsräumen sind Tische und Stühle fest verschraubt. Die Mahlzeiten werden in Plastikgeschirr ausgegeben. Das Besteck ist nummeriert, damit nichts verloren geht, damit nichts zweckentfremdet wird. Dass sich hier Menschen aufhalten, verraten allenfalls eine Tageszeitung und ein Tablett mit gebrauchten Kaffeebechern. Über allem kleine schwarze Halbkugeln an den Decken, die Augen der allgegenwärtigen Überwachung. Kein Ort, wo man sich es gemütlich macht. Wie lässt sich in einer solchen Umgebung Vertrauen aufbauen, eine Beziehung herstellen?
Und doch ist die Architektur nur die Bühne. Die eigentlichen Geschichten gehören den Patienten. Es geht nicht nur um Orte, Mauern, Sicherheitsschleusen und Kontrollmechanismen, sondern auch um die unsichtbaren Räume – jene der Beziehungen, der therapeutischen Begegnungen, der Versuche, in einer kontrollierten Umgebung Menschlichkeit zu bewahren und Hilfe zu leisten.
Inka Schube: Auf vielen Bildern übernimmt die Architektur jedoch die Hauptrolle.
Wulf Rössler: Gerade die Patienten klagten zu meiner Überraschung nie über den Bau, nie über das strenge Arrangement ihrer Welt. Was mich bewegte, schien sie weniger zu berühren. Vielleicht, weil so viele von ihnen ihre Gedanken nach innen gewendet haben, wo überwachte Räume und Sicherheitszäune kaum Gewicht besitzen. Ihre Innenwelt ist lauter als jede äußere Strenge. Viele sind hier am Ende eines langen, schwierigen Krankheitsprozesses angekommen; ihr damit verbundener sozialer Abstieg kulminiert in der Kleiderkammer der Klinik.
Trotz allem tragen fast alle dieselbe Hoffnung in sich: dass es irgendwann und irgendwie gut ausgeht. Ihr Weg ist mühselig – ein streng getakteter Alltag, Medikamente, Therapien, Rückfälle. Und im Unterschied zum Gefängnis ist ihr Aufenthalt unbefristet: ein Schwebezustand, der erst endet, wenn ein Gremium ihre Ungefährlichkeit festgestellt hat.
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